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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-06

Bibliographic data

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-06

Structure type:
Periodical
Collection:
Bodensee Bibliotheken
Title:
Kultur
Subtitle:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Place of publication:
Dornbirn
Publisher:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistent Url:
http://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Structure type:
Issue
Collection:
Bodensee Bibliotheken
Title:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-06
Year of publication:
1987-06-01

Persistent Url:
http://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_1987_06

Article

Structure type:
Article
Author:
Kunz, Hannelore
Title:
Kein Denkmal für Sisyphus errichten
People involved:
Kunz, Hannelore

Contents

Table of contents

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-06
  • Title page
  • Contents
  • Fremdenverkehr - befremdlich verkehrt
  • Allgemeine Anmerkungen zur Veränderung der Volks-Kultur durch den Massentourismus
  • Ing. mit Mag. Sieghard Paier
  • Landesgalerie: Keiner weiss was, das dafür aber ganz genau
  • Blintimus Blinsky läßt aufheulen
  • "Waldheim ist ein Gottesbeweis...."
  • Nachruf auf den Cineclub Zoom oder die Macht der Multinationalen Verleiher und die Ohnmacht der Provinzkinos
  • Neue Dornbirn-Publikationen
  • Kein Denkmal für Sisyphus errichten
  • Platentips: Tödliche Waffen!
  • Reaktionen
  • Interview mit Sarah Kirsch
  • Filmnotizen
  • Der literarische Beitrag: Florentine Stock "Berliner Zeiten"
  • Magazin

Full text

32 
KULTUR 
Über eine Ausstellung von Gert und 
Ruth Gschwendtner im Theater am 
Saumarkt/Feldkirch 
Ruth und Gert Gschwendtner lebten 
bis vor einem halben Jahr in der 
Bundesrepublik Deutschland, sie 
studierten an der Akademie der 
bildenden Künste in München. Eini 
ge Jahre übten sie den Beruf des 
Kunsterziehers am Gymnasium aus, 
bis sie sich 1982 entschlossen, 
künftig als freischaffende Künst 
ler tätig zu werden. Sie wagten 
diesen Schritt in die Ungewißheit, 
um sich ohne Ablenkungen ganz der 
künstlerischen Aufgabe widmen zu 
können, um ihre Ideen, Gedanken 
und Projekte ungestört verwirkli 
chen zu können. Bei ihren Arbeiten 
“Ist das Thema von entscheidender 
Bedeutung. Der Inhalt ihrer Werke 
ist bei Gschwendtner ebenso wich 
tig wie die Form und die Ausfüh 
rung. Sei es bei einem Kinderbuch, 
seien es Aquarelle, Zeichnungen, 
Radierungen, Malereien, Aktionen, 
Objekte oder Performances. 
Stets haben sie Themen zum Inhalt, 
die den Fortschritt, die techni 
schen Gefahren oder die Beziehun 
gen der Menschen untereinander 
oder die Beziehungen Mensch und 
Natur analysieren. Das Ringen um 
eine Idee oder das Verfeinern ei 
nes Themas begleiten den gesamten 
Schaffensprozeß. Ständig wird ein 
neuer Gedanke - kaum geboren - 
schon wieder in Frage gestellt, 
überarbeitet und dann doch wieder 
verworfen. 
In unentwegter Zusammenarbeit an 
dieser Idee, hin zur Konzeption 
und zur Ausführung findet eine 
enge Teamarbeit zwischen Ruth und 
Gert statt. Sie formulierten dies 
einmal folgendermaßen: "Wir versu 
chen ein nebeneinanderherarbeiten 
des Einzelkünstlertum zu vermei 
den." So entstanden Themen, die 
sich wie ein roter Faden durch 
mehrere Werke hindurchziehen, z.B. 
Zelt-Häute, Gehirn-Häute oder Ge 
dankenhäute. Meist werden Schrift 
und Bild miteinander kombiniert 
und als gleichwertige Elemente 
verwendet, wie etwa bei den Bil 
derbögen oder der Briefserie oder 
bei den Zeitbildern und den soge 
nannten Farb- oder Gedankenhäuten. 
Das Wort erfüllt hier zweierlei 
Funktionen: einmal spricht es zu 
uns durch seinen Gehalt, gleich 
zeitig aber wird das Wort durch 
seine äußere Gestalt selbst zum 
Bildelement. Derjenige, der ihre 
Bilder nur flüchtig betrachtet, 
vermutet keinen tieferen Gehalt in 
ihren Werken. Sie erscheinen uns 
zart, harmonisch, leise und zu 
rückhaltend. Auf den zweiten Blick 
verändert sich dieser Eindruck. 
Neben der ästhetischen und anspre 
chenden Bildaussage entdeckt der 
aufmerksame Betrachter kritische, 
nachdenklich stimmende Töne. Am 
Beispiel des Zelthautbriefes wird 
dies besonders deutlich.Gschwendt- 
ner verwenden Materialien, die uns 
vertraut erscheinen, stellen sie 
jedoch in neue, für uns ungewohnte 
Zusammenhänge. Damit geben sie 
Denkanstöße: ja, der Betrachter 
muß sich aktiv mit ihren Arbeiten 
auseinandersetzen. 
So möchten Ruth und Gert, daß ihre 
Bilder und Objekte gebraucht und 
benützt werden. Man benötigt Zeit 
und Geduld im Umgang mit ihren 
Werken, die gleichsam Zeile für 
Zeile gelesen werden wollen. Erst 
dann erschließen sich dem Betrach 
ter die oft mehrschichtigen Inter 
pretationsmöglichkeiten. So geht 
es uns auch mit dem Werk: "Ein 
Denkmal für Sisyphus errichten." 
Anlaß für diese Arbeiten war eine 
Veranstaltung des Bundes Natur 
schutz, gemeinsam mit dem Alpen 
verein und den Naturfreunden. Die 
se wollten mit einer Bergbesetzung 
auf das Waldsterben aufmerksam ma 
chen. Die Veranstalter traten an 
Gschwendtners mit der Bitte um ei 
nen Beitrag in Form einer 
künstlerischen Aktion heran. Wie 
Ruth und Gert mir später einmal 
berichteten, assoziierten sie so 
fort mit dem Begriff "Berg" und 
der "Arbeit der Naturschützer" die 
Geschichte des Sisyphus und dessen 
Kampf gegen die Vergeblichkeit. 
Sie erinnern sich vielleicht an 
die Geschichte aus der griechi 
schen Sagenwelt, in der Sisyphus 
als Strafe der Götter einen schwe 
ren Stein auf den Gipfel eines 
Berges wälzen mußte. Kaum hatte er 
diesen ereicht, rollte der Stein 
wieder hinab und Sisyphus mußte 
sich erneut in vergeblicher Arbeit 
abmühen.Gschwendtners wollten die 
sem Mythos einen anderen Mythos 
gegenüberstellen und auf die posi 
tive Interpretation der Sisyphus- 
geschichte hinweisen. 
Aus diesen Überlegungen heraus 
entstand eine Aktion, deren Ele 
mente hier in Feldkirch unter 
anderem zu sehen waren. Aus dem 
Stein des Sisyphus wird bei Ruth 
und Gert ein aus Bronze gegossener 
Tannennadelhaufen, den Gert auf 
einer Kraxn auf einen Berg trug, 
wie auf den Plakat zu sehen ist. 
Dieser Tannennadelhaufen wurde 
neben dem Gipfelkreuz einzemen 
tiert. Dort ist er als Denkmal für 
Sisyphus zu verstehen. 
Begleiter und Betrachter dieser 
Aktion werden durch die soge 
nannten "Betrachterfiguren" aus 
Eisenstangen mit kupfernen Radier 
platten symbolisiert. Der Abdruck 
dieser Radierplatten ist gleich 
zeitig der Eindruck in den Köpfen 
der roten Umrißfiguren. In fünf 
Schattenbildern ist Sisyphus dar 
gestellt; gleichzeitig aber kann 
sich jeder von uns darin finden. 
Gschwendtners wollen Sisyphus 
nicht als Prophet für eine vergeb 
liche Tätigkeit verstanden wissen, 
sondern vielmehr als Beispiel da 
für, daß eine äußerlich scheinbar 
wenig spektakuläre Arbeit zur irm- 
ren Weiterentwicklung des Geistes 
dienen kann. Sie verstehen Sisy 
phus also als überaus positive Ge 
stalt. Sein Weg ist sein Ziel. 
Dr. Hannelore Kunz 
Kunsthistorikerin am 
Nationalmuseum/München
	        

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