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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1986-01

Bibliografische Daten

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1986-01

Strukturtyp:
Zeitschrift
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Kultur
Untertitel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Publikationsort:
Dornbirn
Verlag:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Strukturtyp:
Ausgabe
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1986-01
Veröffentlichungsjahr:
1986-01-01

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_1986_01

Artikel

Strukturtyp:
Artikel
Titel:
Der literarische Beitrag

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1986-01
  • Titelseite
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Gorrfried Berchtold: Lichtsteine
  • Interview mit Dietmar Schönherr
  • Little John und die Westkräfte
  • Kolumne: Das politische Buch
  • Satire: Blintimus Blinsky
  • Magazin
  • Ein Glück kommt selten allein
  • Filmschnipsel
  • über Kurt Bracharz
  • Der literarische Beitrag
  • Monatsprogramm
  • Ausstellungen
  • PROGRAMME
  • Die vorletzte Seite

Volltext

Zur Vorbereitung des Interviews 
las ich ein bißchen altes Mate 
rial nach, zun Beispiel die Son 
dernummer von Re/Search 4/5, San 
Francisco 1982. Da stand alles 
drin: er lernte B. durch Brief 
kontakt kennen, fand seine Ideen 
interessanter als die Romane, 
übernahm die Dekonditionierungs- 
techniken, und die funktionier 
ten nicht besonders. 
Also kein Interview. Aber viel 
leicht ein Gespräch. 
Das Konzert beginnt laut Plakat 
un acht, also bin ich um viertel 
vor acht im "Opal" und frage, ob 
ich P. Orridge (soll ich nicht 
endlich "Porridge" schreiben?) 
vor dem Konzert sehen kam. 
Nein, die Gruppe ist nicht da, 
sondern beim Essen. Erste Infor 
mation: sie sind Vegetarier. 
Aha. Die Single "Zyklon B. Zom 
bie" (IR 0003) der Throbbing 
Gristle beschrieb einen SM-Akt 
zwischen einem kleinen Juderr 
mädchen und einem SSler, mit De 
tails über den Geruch des Leders 
etc. und einem Verschmelzungser 
lebnis, wobei dem Kind sein 
"Liebhaber" wie ein "warmer 
Strom von Zyklon B. Gas" er 
scheint. Kaum eine typische Ve 
getarier-Phantasie, auch nicht 
die feine englische Art. Schon 
mehr Beziehung zum Aktionismus, 
vom "geilen Wotan" Otto Muehl 
bis zum Selbstmörder John Fare. 
Gegen neun treffen Psychic TV 
ein. Ich kerne Porridge von Fo 
tos her, auf denen er gar nicht 
androgyn aussieht, sondern wie 
ein hübsches, kurzhaariges Mäd 
chen mit Basedowaugen. Heute 
abend trägt er einen Fez und 
bmte Klamotten und rote Lack 
schuhe und sieht deshalb von 
hinten aus wie ein siebzehnjäh 
riges Gör im Karneval (er muß so 
um die 35 sein) und von vorne 
wie eine lustige kleine Tunte 
bei einer Logenbrüderversamm- 
Aber er ist keiner von diesen 
Dumpfheinis, bei denen es gerade 
zum Gitarrenspielen oder Sin 
gen reicht. Der Typus des Londo- 
ners wird in der Literatur als 
schnell, clever und kalt (nicht 
cool! Coolness ist ein mittler 
weile überholter Schmäh, Sensi 
bilität zu kaschieren; Kälte 
sitzt tiefer, ist zeitlos und 
nützlich) eingeschätzt: Porridge 
scheint ein typischer Londoner 
zu sein. Aber er ist sehr kom 
munikativ. 
Ich weiß das schon von einem 
beleibten jungen Mann, der mit 
mir ins Büro eingedrungen ist, 
weil er Porridge 30 Seiten sei 
ner Komparatistik-Dissertation, 
die sich mit Throbbing Gristle 
beschäftigen, überreichen will. 
Er hat den Engländer mal ange 
schrieben und sofort und aus 
führlich Antwort und bereitwil 
lig Material erhalten. 
Im Büro ist es eng und es sind 
Leute drin wie in der Schiffska 
bine der Marx Brothers in "A 
night at the opera". Also ver 
einbaren wir mit Porridge ein 
kurzes Gespräch nach dem Kon 
zert. Die Psychic 'TV müssen am 
nächsten Tag um acht Uhr früh in 
Wien sein. 
lung. 
Um halb zehn geht es los. Weil 
ich Fotos machen will, stehe ich 
direkt vor den Boxen, bis ich 
glaube, mir fliegt das Blech 
weg. Psychic TV ist laut. Auf 
der Bühne stehen fünf Leute, 
aber man sieht eigentlich nur 
zwei, nämlich die blonde Schlag 
zeugerin, die unter einem Spot 
sitzt, und Porridge, der herum 
läuft und singt. Die im Dunkeln 
sieht man nicht, oder kann: den 
Gitarristen, den Keyboardler, 
das schwarzhaarige Mädchen an 
diversem Gerät. Dabei sind die 
wichtig: einmal trinken alle auf 
der Bühne zufällig zur selben 
Zeit ihr Bier, nur der Mam an 
den Keyboards hat eine Hand auf 
den Tasten, aber der Sound wird 
da nicht dünner. 
Psychic TV hat einen hohen An 
spruch: Metabolische Musik, Mu 
sik, die direkt in den Stoff 
wechsel eingreift, Töne, die 
Nervenzentren stimulieren, Melo 
dien, die Himmuster aus lösen, 
direkte Frequenzattacken auf 
Nerven und Drüsen, so liest sich 
das in Porridges theoretischen 
Erklärungen, und dazu gibt es 
Berichte von Experimenten mit 
Infraschall, die zu Schwindel, 
Ohnmächten und Kotzen im Publi 
kum geführt haben sollen. 
Nichts von alldem im "Opal". Die 
Psychic TV spielen ein jugend 
freies Programm mit "richtiger" 
Musik, die die alten Hasen im 
Publikum zeitweilig an Velvet 
Underground und einmal sogar an 
die Stones erinnert. Eine lange 
Nummer, "I like you" nimmt wohl 
direkt textlich und musikalisch 
Bezug auf 'VJe love you". Manch 
mal gibt es Momente von hoher 
Intensität, wem es so aussieht, 
als verstünde Porridge tatsäch 
lich etwas von tibetischer Musik 
(auf die er sich gelegentlich 
beruft, Tantrismus ist in), aber 
dam klingt es gleich wieder wie 
Ammon Düül in den frühen Siebzi 
gern. 
Nun gibt es allgemein ein Psy- 
chedelic-Revival, aber die 
Avantgarde der zeitgenössischen 
Musik ist das sicher nicht. Ich 
werde auch das Gefühl nicht los, 
daß ein durchschnittlicher indo 
nesischer Dorfmusiker eines Ga- 
melanorchesters doch mehr von 
Trancemusik versteht als ein 
cleverer Bursche aus Manchester 
oder Liverpool. Und Ondekoza, 
die japanischen "Dämonentromm 
ler" touren derzeit durch Euro 
pa, denen ist in diesem Punkt 
schwer Konkurrenz zu machen.
	        

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